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Quelle: portel.de
Newsbeitrag vom: 25. Oktober 2007
Greenwich: „Konvergenztreiber der TIME-Industrie ist die
Konkurrenz“
Gastbeitrag von Ralf Becker und Annika Fähse,
Greenwich Consulting* - Teil 2
„Der größte Treiber für DSL war nicht die Übertragungsgeschwindigkeit,
sondern die Flatrate“, hat Achim Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung
von Microsoft Deutschland diese Woche auf dem Communication World-Kongress
in München erklärt. „Wenn es uns nicht gelingt, auch die anderen neuen
Dienste in Richtung Flatrate zu bekommen, werden sie sich voraussichtlich
nicht durchsetzen.“ Die Business-Modelle der wesentlichen Player gleichen
sich aufgrund der neuen Flaterate-Politik und des Konvergenz-Treibers
„Multi-Play“ jedoch immer mehr an. Die Frage nach dem differenzierenden
USP wird überlebenswichtig, bleibt aber bisweilen unbeantwortet. Um dem
reinen Preiskampf zu entkommen brauchen die Produkte einen Mehrwert
jenseits des Preises. Das Münchner Beratungsunternehmen Greenwich
Consulting nennt ihn „Membership Value“. Portel.de veröffentlicht den
Gastbeitrag „Membership Value - Wege aus der Commodity-Falle im
Flatrate-Pricing“ exklusiv als Serie in drei Teilen.
Teil 2: "Triple Play wird zur Commodity"
Wenn die Anbieter der Talfahrt der Preise entgehen wollen, müssen sie sich
auf das Produkt fokussieren und differenzierende Faktoren schaffen. Leider
ist die Produkt-Differenzierung zumindest für Telcos nicht gerade trivial.
Während in vielen Ländern die Quality-of-Service im Sinne technischer
Leistungs- und Zuverlässigkeitszahlen ein Differentiator ist, spielt dies
in Deutschland in der Kundenkommunikation keine Rolle. Die technische
Qualität der Netzwerke mag sich unterscheiden, aber der Unterschied wird
entweder vom Kunden nicht wahrgenommen oder er ist nicht so signifikant,
um dafür Zahlungsbereitschaft zu erzeugen. In der Folge erscheint die eine
Flatrate für DSL, Sprache oder mobile Datenübertragung für den Kunden
genauso gut zu sein, wie jede andere: sie deckt das
Kommunikationsbedürfnis ab und mehr wird nicht erwartet.
Die Technologie zur Erfüllung des Kunden-/ Kommunikationsbedürfnisses
spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Es macht weder einen Unterschied,
ob zum Beispiel eine Sprachflatrate über PSTN oder über VoIP angeboten
wird, noch ob Internetzugang über DSL oder Kabel bereitgestellt wird oder
die mobile Datenverbindung via UMTS oder HSDPA besteht. Um sich also von
den anderen Anbietern zu unterschieden, müssen die Vor- und Nachteile
verschiedener Technologien in Bezug auf die Bedürfnisse des Kunden
kommunikativ klar herausgestellt werden. VoIP zum Beispiel gestaltet sich
schwieriger in der Erst-Konfiguration verglichen mit PSTN/ISDN, bietet
aber zusätzliche Services wie Video-Telefonie und -Konferenzen. IPTV
benötigt mehr Zeit, um die Sender zu wechseln, bietet dafür aber deutlich
mehr Programme.
Günstigere E-Netze weisen im Vergleich zu D-Netzen eine schlechte
Abdeckung innerhalb von Gebäuden auf und günstigere UMTS-Flatrates sind
langsamer als HSDPA-Produkte. Diese Unterschiede mögen einen
Preisunterschied rechtfertigen, wenn der Kunde sie als bedeutsam erkennt.
Die Kunden zahlen beispielweise mehr für eine PSTN- oder ISDN-Flatrate (15
bis 20 €) als für eine VoIP-Flatrate (5 bis 10 €) und weniger als für eine
mobiles Angebot (ca. 30 €). In den letzten Jahren war die Bandbreite in
der Internetzugangsbranche das Hauptdifferenzierungsmerkmal. Dieses ist
aber immer seltener der Fall, seit der Grenznutzen zusätzlicher Bandbreite
geringer wird und IP-TV der einzige use-case hoher Bandbreiten ist.
Content- und Kabelbranche als „sweet spot“ der
TIME-Industrie
Es gibt jedoch Ausnahmen, wie beispielsweise die Content- und
Kabelbranche. In Ländern, in denen freies Fernsehen (Free-TV) nicht
unterentwickelt ist, gibt es eine Reihe an Möglichkeiten zur
Differenzierung, wie die Bereitstellung von qualitativ hochwertigerem
Content oder schlicht mehr Kanälen. Video-on-Demand und Musik sind andere
Beispiele: Differenzierungsmöglichkeiten gibt es über die Einbindung
verschiedener Studios und Labels sowie eine ausgetüftelte Bewertungs- und
Empfehlungs-Community.
So scheint die Medienbranche der „sweet spot“ der TIME-Industrie zu sein,
jedoch bleibt deren Marktrelevanz bisher wenig signifikant. Auch scheint
es so, dass Kunden für gebündelte Content-Angebote noch kein
Werthaltigkeits-Empfinden entwickelt haben. 1&1 Internet, Tochter von
United Internet, trat kürzlich davon zurück, mit seinem einzig angebotenen
DSL-Zugangsprodukt „3DSL“ zwingend eine Movie-Flat mitzuverkaufen. Die
Folgen sind Preiskämpfe und Margendruck.
Commoditisierung heißt Margeneinbruch besonders bei großen
Anbietern
Wenn sich Anbieter nicht mehr über das Produkt differenzieren können hat
die Industrie ein Problem: Commoditisierung. Wenn - getrieben von
Investorenerwartungen an Wachstum und Margen - alle Marktteilnehmer nach
Marktanteilen streben, um Skaleneffekte zu heben, dann ist ein
Verteilungskampf vorprogrammiert. Ein Preiskampf ist besonders dann
wahrscheinlich, wenn dies mit einem von Kunde kaum unterscheidbaren,
austauschbaren Produkt mit transparenten und vergleichbaren Preismodellen
geschieht.
Die Folge wird ein massiver Einbruch der Margen besonders der großen
Anbietern sein, DA diese ihre großen Kundenbasen auf geringere Preispunkte
migrieren müssen, um Churn zu vermeiden. Gleichzeitig zu den sinkenden
ARPUs steigen die Kosten und reduzieren die vor einigen Jahren noch recht
komfortablen Margen der Festnetzanbieter und ISP´s weiter. So steigen
besonders die Akquisitionskosten für Neukunden (SAC) aufgrund höherer
Vertriebsprovisionen, Hardwaresubventionen und Kommunikationskosten, um
die ehrgeizigen Wachstumsziele in zunehmend gesättigten Märkten zu
erreichen.
Wenn die TIME-Industrie Umsätze und Margen stabilisieren will, dann wird
es Zeit, Differenzierungs-Alternativen als Ausweg aus der
Homogenitätsfalle zu finden. Sind die Margen erst einmal geschwunden, gibt
es keinen Spielraum mehr für weitere Investitionen in solche USPs. Wird die
TIME-Industrie die Geduld aufbringen, den weiteren, aber nachhaltigeren Weg
aus der Homogenitätsfalle heraus zu gehen?
Bundling als Konvergenztreiber
DA sie der Trend zu Flatrate-Pricing wahrscheinlich weiter fortsetzen
wird, sollte sich die Branche nicht nur mit Cost-Cutting beschäftigen,
sondern auch mit der Frage: „Wie können wir uns differenzieren, wenn nicht
über den Preis?“ Die bisher populärste Methode war, Produkte zu bündeln und
so die Vergleichbarkeit zu reduzieren, viel mehr aber: um den ARPU zu
steigern.
Mobilfunker, Festnetzbetreiber, ISPs und Kabelnetzbetreiber sahen sich
alle nur noch marginalen Chancen in ihren ursprünglichen Märkten gegenüber
und prüften Optionen für neue Geschäftsfelder mit dem Ziel den ARPU
anzuheben: vom Single- zum Multi-Play. Besonders der am schnellsten
wachsende Bereich Breitband-Internet erschien allen attraktiv. Festnetz-
(FNO) und Kabelnetzbetreiber (CNO) bündelten ihre Basisprodukte mit
Highspeed-Internet und teilweise mit Mobilfunk-Produkten. Festnetzanbieter
kauften Content und stiegen in IP-TV ein, ISP´s entwickelten
VoIP-Zusatzservices, begannen das Cross-Selling von Mobilfunk-Produkten
und klinkten sich in das Video-on-Demand-Geschäft ein. Mobilfunker
experimentieren seit einiger Zeit mit Handy-TV, stellen aber fest, dass
mittelfristig kein Weg an DSL vorbei führt und eruieren oder forcieren
ihre Festnetz-Aktivitäten.
Im Ergebnis wetteifern alle TIME-Player, die ehemals in separaten Märkten
operierten, nun um denselben Kunden mit vergleichbaren Paketen aus
Fernsehen, Internet, Telefonie und Mobilfunk. Es ist offensichtlich, dass
dieser Wettbewerb nicht nur Gewinner haben kann.
Konkurrenzkampf in den TIME-Märkten als
Konvergenztreiber
Daraus wird schnell klar, dass Konvergenz keineswegs, wie vielfach
behauptet, technologisch oder aus den Bedürfnissen der Kunden getrieben
ist. Größter Konvergenztreiber ist der Kampf um Umsätze durch Eintritt in
benachbarte, ebenfalls hart umkämpfte TIME-Marktsegmente. Jedoch ist das
Bündeln von Produkten und Services nur der halbe Weg. Bundling
stabilisiert zwar kurzfristig die Umsätze, aber es macht die Produkte und
Services in ihren Kerneigenschaften nicht unterscheidbarer. Darüber hinaus
führen Bündelrabatte und Leistungsaufwertungen zu einer schleichenden
Entwertung des Markes.
Bei dem Versuch ihre Multi-Play Portfolios einfach und überschaubar zu
gestalten, wird häufig der Markt von Kunden übersehen, der sich nicht an
einen Operator binden will oder sich aus anderen Gründen seine Produkt-
und Servicekomponenten selbst zusammenstellen will. Dies kann eine Chance
für Zweitmarken oder für spezialisierte kleinere Anbieter darstellen,
welche nicht die volle Palette an Angeboten anbieten können oder sich auf
„Cherry-Picking-Kunden“ konzentrieren.
Abkehr vom Preis
DA Bundling im Hinblick auf Differenzierung nur Quick-Win sein kann, sind
echte Innovationen in den Produktbündeln notwendig, welche die
Aufmerksamkeit der Kunden auf sich ziehen und den wahrgenommenen Wert
beeinflussen. Dadurch tritt der Preis als Angebotskomponente in den
Hintergrund. Diese Innovation muss notgedrungen einen echten Mehrwert
darstellen, der für einen großen Teil der Zielgruppe relevant ist.
Bekanntlich beruhen die erfolgreichsten Vertriebsstrategien auf einem
echten Alleinstellungsmerkmal (USP). Der iPod im MP3-Player Markt ist ein
gutes Beispiel für ein nicht in der Funktion aber im Design einzigartiges
Produkt, kombiniert mit einer stark emotionalen Marke. Der Preis scheint
nebensächlich.
Weiterhin sollte beachtet werden, dass sich eine solche Innovation nicht
nur an Neu-, sondern auch an die viel höhere Zahl von Bestandskunden
richten soll, die nicht vor einer Kauf- sondern vor einer
Wechselentscheidung stehen. Bei dieser werden sie vermutlich auch die
Opportunitätskosten der Migration zu einem neuen Produkt oder Service mit
in die Bewertung des Angebotes einbeziehen. Beim Wechsel des
Mobilfunkanbieters wird der Kunde sich beispielsweise Gedanken um eine
vermeintlich aufwändige Übertragung des Telefonbuchs auf das neue Endgerät
oder der eigenen Telefonnummer zum neuen Anbieter machen. Das Resultat
daraus ist ein Lock-In Effekt, der den Kunden zum Bleiben veranlasst,
obwohl ein anderes Angebot objektiv besser wäre.
Echten Mehrwert generiert ein Feature, das beide Kriterien erfüllt: einen
USP für neue Kunden zu bieten und gleichzeitig einen Lock-In-Effekt für
bestehende Kunden zu entfalten. Dass ein solches Feature sowohl
Kreativität als auch Investment bedarf, versteht sich von selbst. Der
Business Case, der Investmentkosten ebenso beinhaltet wie zusätzliche
Umsätze durch neue Kunden und gesteigerten ARPU, hängt signifikant vom
Planungshorizont ab: je kurzfristiger eine Amortisierung erwartet wird,
desto unwahrscheinlicher ist ein positiver EBIT und damit eine
Go-Entscheidung, die aus dem Preiskampf herausführt.
Links zum Thema:
- Informationen über Greenwich Consulting


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